Der Nachtwächter Kilian – Fundstück aus dem Oberschlesischen Wanderer Ausgabe 2-1828

Ich finde in den historischen Zeitungen immer wieder echte Schmankerl, die nicht nur für meine Ahnenforschung interessant sind. Der Oberschlesische Wanderer, die damalige Wochenzeitung in Gleiwitz, rief seine Leser auf, Beiträge einzusenden. Diesem Aufruf kommt der Nachtwächter Kilian nach.

Ich werde die weiteren Episoden von Kilians Erlebnissen mit und mit hier niederschreiben. Der Text ist wort- und schriftgereu zitiert worden.

 

Meine Geheimnisse sind natürlich nur nächtliche, denn da ich das Recht habe, alle Nächte durch die ganze Stadt zu laufen, ohne daß man mich aufgreifen darf, so können auch meine Geheimnisse nur des Nachts meistentheils geboren sein.

So komme denn her, du liebes Tagebuch, das ich seit mehreren Jahren führe; in dir habe ich meine Geheimnisse niedergelegt, und so will ich sie denn auch wörtlich aus dir abschreiben. Vorher aber muß ich bitten, nicht zu stark über den Styl herzuziehen, denn wie leicht zu erachten, es ist nur ein Nachtwächterstyl

23. October

den 23. October 182* war eine finstre stürmische Nacht. Der Wind rast, als ob er die Häuser umstürzen wollte, und der Regen prasselte mit hartem Geräusch, auf das Steinpflaster nieder. Mit jedem Augenblicke drohte meine Laterne zu verlöschen, und ich verbarg sie unter dem schirmenden Mantel. Ich hatte mich, denn es war 10 3/4 Uhr, in die Nische eines Eckhauses zusammengedrückt, als ich etwas mit dröhnenden Schritten mir näher kommen sah. Halt! dachte ich, das ist so eine vollendete Diebesnacht, denn ein solcher Sturm kann ein ohnehin sehr weites Diebesgewissen vollends ganz auseinander reißen, willst doch geduldig harren! Ich ließ die Erscheinung (es war eine bis auf die Ohren in einen Mantel gehüllte Mannsperson) bei mir vorbei, und schlich mich ihr nach, denn sicherer kann man den Feind nie schlagen; als wenn man ihm in den Rücken zu kommen sucht.

emergence-5697_1920Die Mannsperson blieb endlich bei einem Hause stehen, das ich wohl kannte, Eine rechtschaffene Kaufmannsfrau wohnte in demselben; eine fromme biedere Dame, die der Kirche erst in der vergangen Woche zwei Wachskerzen geschenkt, und einen, in ein mit ihren Namen beschriebenes Papier gewickelten Dukaten in den Gotteskasten gethan hatte.

Die, dachte ich bei mir selbst, kannst du nicht bestehlen lassen, besonders da sie allein im Hause und ihr Mann auf der Messe ist.

Der Mann im Mantel hatte sich unterdessen bis nahe an die Hausthüre geschlichen, und hustete dreimal heftig. Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster; ich aber passte den Augenblick ab, sprang hastig herbei, und fasste den Spitzbuben so fest an der Gurgel, daß an kein Entrinnen mehr zu denken war.

„Still, still lieber Mann,“ lispelte der Bemantelte, „kennt er mich nicht, ich bin ja der Doctor Flügel!“ „Ei! was Flügel!“ schrie ich, nun schon völlig herzhaft gemacht, „ein Flegel ist ER, der in stürmischen Nächten sich herumschleicht, um zu stehlen, fort mit Ihm auf die Hauptwache!“ Da entriegelte sich die Hausthür, und die züchtige fromme Hausfrau in einem engelweißen Nachtkleide trat in die Thür. „Ach!“ sprach sie mit einer holden Leutseligkeit, „sind sie es doch , Herr Doctor? Ich danke Ihnen, aß sie meine Bitte haben statt finden lassen, und mich noch so spät besuchen! ich werde von der furchtbaren Kopfgicht geplagt, und habe schon seit zwei Nächten kein Auge geschloßen, heute war mein Schmerz so heftig, daß ich mein Ende herannahen fühlte, und mußte daher -“ Natürlich ließ ich sogleich den Herrn Doctor los und bat tausendmal um Vergebung, aber meine Amtspflicht -. Der Herr Doctor war auch so gütig, Alles zu vergeben und zu vergessen, und die Dame, die, wie gesagt, die Sanftmuth selbst ist, sagte zu mir in herablassenden Tone: „lieber Kilian! ich danke Ihn für seine Wachtsamkeit, und werde Ihn bei meinem Manne zu rühmen wissen; aber ich weiß es, mein Mann ängstigt sich zu sehr, wenn er hört, daß ich krank gewesen bin, ich aber liebe ihn zu leidenschaftlich, als daß ich nicht gern Alles vermeiden sollte, was ich weiß, das ihm nur eine unangenehme Minute machen würde, daher“ und hier drückte mir der Engel in Weibsgestalt einen Dukaten in die Hand, „daher bleibt das Vorgefallene ein Geheimniß, versteht er mich?“

Ich dankte ihr mit Thränen in den Augen, und ging fort, sie aber verriegelte die Thür, nachdem sie den menschenfreundlichen Arzt mit sich genommen hatte. Tausendmal habe ich mir noch über meine Unvorsichtigkeit Vorwürfe gemacht, denn durch die Zugluft von außen mochte sich ihre Kopfgicht recht vermehrt haben, weil ich erst gegen Morgen, als ich (wie wir Nachtwächter mit einem Kunstausdruck sagen) den Tag auspfiff, den Herrn Doctor von ihr herauskommen sah.

So hatte ich also dem armen Herrn, der sich den Schlaf abbrach, um einer Nothleidenen willig beizuspringen, um die ganze Ruhe der Nacht gebracht, und einer rechtschaffenden Frau ihr Uebel vergrößern helfen!

Kilian! Kilian! Das war ein Dummer Streich.

Was mir als Genealoge hier wesentlich zu denken gibt: War die Dame jetzt wirklich krank oder stolpert ein Forscherkollege über ein Kukukskind?

Viele Grüße

Thomas

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