Kilian schreibt mit einem solchen trockenen Humor, dass es wirklich eine Freude ist die Texte auch heute noch zu lesen. Die Themen seiner Geheimnisse, lassen Rückschlüsse auf die Biederkeit der damaligen Zeit zu. Kilian (oder ist es nur ein Alter Ego?) gibt sich als ehrenwerter Zeitgenosse, pflichtbewußt und treu ergeben, verkörpert also die preussischen Qualitäten.

Acht Tage später

Gestern ging ich (es war eine schöne helle sternenvolle Nacht) nachdem ich die zwölfte Stunde abgepfiffen hatte, auf den Straßen herum, um zu sehen: ob irgend etwas unheimliches sich in der Stadt begebe; da komme ich um die Ecke am Michaelsgässchen, wo das neue Kaffeehaus steht. IN Gedanken fortschlendernd stoße ich an etwas, was wie ein breiter gefüllter Sack quer über dem Rinnstein liegt. „Ho! Ho!“ sagte ich, „was ist das für Manier, sich mitten in die Straßen zu legen, daß vernünftige Nachtwächter fallen möchten?“ Jetzt erhob sich eine schwarze Gestalt, und glotze mich mit stieren Augen an. „Ei!“ rief ich mit einem Bückling, „sind doch Sie’s Herr Schulmeister, sind sie etwa plötzlich krank geworden?“ „Halt Er’s Maul,“ unterbrach mich der Sitzende, „Er ist eine gemeine Natur, wenn er sich nicht über Rußland freut. Pereat die Türken! Griechenland soll leben! Jetzt wird es heißen, wie Etzechit sagt, Kapitel 26 v. 10: Und ich will dich hinunterstoßen zu denen, die in die Grube fahren, nämlich zu den Todten! Was die Griechen nicht konnten, wird Rußland thun, wie es heißt im ersten Spruch der Könige 19 v. 17: Wer dem Schwerdt Hasael entrinnt, den soll Jehu tödten; ich aber will sie tödten mit meiner Zunge, wie der Prophet Jeremias sagt, im 18. Kapitel und im 18. Vers“

carafes-1170267_1920Hiermit sank er wieder zu Boden. Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es mir, ihn auf die Beine zu bringen, wiewohl er noch immer hin und her wankte, wie (um es auch mit einer Bibelstelle z ubelegen) ein schwankendes Rohr, das der Wind hin und her bewegt.

Ich machte den Versuch, ihn nach meiner Wohnung zu bringen, aber daß war eine Schwierige Aufgabe, denn die Griechen, Russen und Türken zogen unaufhörlich mit klingendem Spiele quer durch seinen Verstandeskasten, und wenn wenn besonders die Bestürmung von Konstantinopel, wie sie kommen würde und müßte nach seiner Ansicht, sich vor seiner Phantasie blicken ließ, so hatte ich gewöhnlich daß Unglück, für einen Türken angesehen, und mit einigen Rippenstößen befehdet zu werden.

Endlich erlangte ich mein Häuschen an der Mauer, legte den christlichen Patrioten sanft auf mein Bette; die warme Stubenluft wirkte wie Opium, und bald zeigte mir das vernehmliche Schnarchen, daß ein Waffenstillstand zwischen ihm und den Türken zu Stande gekommen wäre. Ich ging wieder an meine Pflicht.

Als ich bei hereinbrechendem Morgen nach Hause kam, saß der Antitürke auf dem Bette, den Kopf auf die Hand gestützt. „Lieber Kilian!“ sagte er, „ich weiß alles, was gestern Abend vorgefallen ist! Ich danke Ihm für Seine Bereitwilligkeit, die Er mir in meinem kranken Zustande bewiesen hat. Glaube Er übrigens nicht etwa, daß ich betrunken gewesen wäre, doch ich weiß wohl, daß Er so etwas vom mir nicht denken wird; es war gestern ein solch schneidender, die Gesundheit zerstörender Südsüdost, der gleich dem Hamattan und dem Samiel, ein paar Leben und Gesundheit vernichtende Winde, auf den Körper wirkte, ich kann ohnehin wenig Luft vertragen, und so hatte mich denn der böse wind zu Boden geworfen.“ „Ja, ja,“ sagte ich mit mitleidiger Miene, „und die Christenfeinde, die Türken, die sind eben so wie ein Samiel“ „Also, mein lieber Kilian! Hier ist ein kleinesTrinkgeld;“ der würdige Mann drückte mir ein Guldenstück in die Hand, „übrigens bleibt die Sache unter uns und ein Geheimnis.“

Somit schied der Brave gelehrte Mann von mir, und ich habe sehr deutlich gemerkt, adß ich ihm unrecht gethan hatte, als ich ihn in den ersten Augenblicken unsers Zusammentreffen für betrunken hielt; denn die böse Luft strömte ihm noch am Morgen aus dem Munde, und verbreitete in meinem Stübchen einen Geruch grade wie der aus einer Brandweinblase.

Der Alkoholismus wurde im 19. Jahrhundert mit drastischen Methoden bekämpft. In Oberschlesien wurde sogar von einer Brandweinpest gesprochen. Auslöser dieser Trunksucht war, die erstmalige zur Verfügung stehende Menge an bezahlbarem, hochprozentigem Alkohol 1

Die Trunkenbolde wurden öffentlich in Zeitungen genannt. Die Wirtschaften und Läden durften ihnen nun keine (hochprozentigen?) Getränke mehr verkaufen.

Leider habe ich bisher keine Quelle gefunden, die genauer definiert, ab wann jemand als Trunkenbold galt.

 

Notes:

  1. http://www.zeitspurensuche.de/02/sitte071.htm