Der, zu meinem Bedauern, letzte Teil von Kilians Geheimnissen gibt noch einmal einen Einblick in die Ansichten der Biedemeier Zeit, in denen die  Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl, Bescheidenheit zu allgemeinen Prinzipien erhoben wurden und von Kilian mit einer guten Protion Treuherzigkeit verkörpert werden.

Nichts destotrotz hat auch unser guter Kilian ein Manko, was durchaus auf die damalige Obrigkeit, respektive auf die Beamten, zu zielen schein. Jedes seiner Geheimnisse hat einen beachtlichen Preis. Um eine Idee von der „Wertigkeit“ seiner Verschweigenheit zu bekommen, möchte ich folgende Rechnung erstellen.

Den damaligen Lesern wird der Fingerzeig auf den „entgleisenden“ Lebenswandel wohl bekannt gewesen sein. Auch die Fiktion des Klilian ist mit der Angabe seines Tätigkeitsfeldes in „Hammelsdorf“ klar dargelegt, ebenso wird kein Wachtwächter so gebildet gewesen sein, dass er solche guten stilistischen Texte schreiben konnte.

Doch nun zu seinem letzten Geheimnis.

Den 18. Januar

street-1246852_1920Endlich war es doch einmal Winter geworden, das empfand Niemand lebhafter, als ich Nachtwächter Kilian. Das war eine grimmige, stürmische Winternacht, seufzte ich für mich, als ich, wie die Glocke vier schlug, zum letztes Mal durch die Straßen watete. Mit Recht kann ich sagen: watete, denn um halb eilf Uhr in dieser Nacht hatte es angefangen, in solchen dichten und dicken Flocken Schnee zu werfen, daß jetzt um vier die Straßen schon beinahe eine Elle bedeckt senn konnte. Seufzend über das traurige Amt eines Nachtwächters kehrte ich durch die über manche Quergassen gelagerten Windswehen, und kam bis zu dem Hause des Herrn Stadtraths Kreuzer.

Inwendig hörte ich ein vernehmliches Flüstern, ein Ach und O Gestöhne, und ich vermutethete, was sehr natürlich war, irgend einen Unglücksfall. Durch meine, dem lieben Leser schon bekannten Geheimnisse etwas vorsichtiger gemacht, wollte ich nicht sogleich in das Haus stürmen, sondern begnügte mich vor dem Haus sehen zu bleiben, um mich erst von der Sache etwas genauer zu unterrichten. Wohl vernahm ich deutlich, daß Worte gewechselt wurden, aber den Zusammenhang konnte ich nicht fassen.

Endlich wurde die Thüre aufgeriegelt, ich drückte mich in einen Winkel, um kein Störer zu senn. Mit einem Ton des Schreckens sagte eine weibliche Stimme, die ich sehr wohl kannte und die dem Fräulein v. Zehring, welche gegenüber wohnte, angehörte: „o mein Julius: sieh! So bestraft sich eine Thorheit augenblicklich: der Weg ist so dicht mit Schnee belegt, daß ich nicht nach Hause kommen kann, ohne durch die durchnäßten Strümpfe und Schuhe verraten zu werden, nicht zu gedenken der Krankheiten, die ich mir durch eine solche plötzliche Erkältung zuziehen kann.“

„Nennen Sie es keine Strafe!“ entgegnete Julius Kreuzer, der Sohn des Stadtraths, ein hübscher junger Mensch von neunzehn Jahren, der auf der Universität die Rechte, wie sie es nennen, studierte, und jetzt eben einmal zu hause war, „dieser Unfall bietet mir Gelegenheit, Ihnen noch deutlicher meine unveränderliche Liebe zu beweisen.“
Sie. Wie wäre es möglich, daß ich, ohne verrathen zu werden, nach hause käme.

Er. Ist Ihnen die Geschichte der hochherzigen Tochter Carls des Großen, Emma, und des Schreibers ihres Vaters: Eginhard, völlig unbekannt? Wir wollen die Scene umkehren: ich trage Sie durch den Schnee.

Sie. Nein, junger Freund! Das könnte das Übel ärger machen! Mein Bräutigam ist bei uns, wie ich Ihnen schon gestern sagte, über Nacht, und wähnt mich in meinem Kämmerlein. Wie nun, wenn ihn ein plötzliches Liebesfieber anwandelt, und er um sich abzukühlen aufgestanden wäre, und, wie weiland Carl der Große am Fenster läge. Sein Schlafzimmer ist nach der Straße zu. Was meinen Sie, mein rüstiger Herr Liebesritter! Ob ihm diese Kavalkade behagen würde?

Er. Erst kenn‘ ich ihn nicht als einen solchen Frühauf, und zweitens deck‘ ich über Ihren schönen Nacken ein langes Tuch, das uns Beide bis zu dem Fuße verhüllt. Sollte er uns dann ja auch sehen, so vermuthet er unter dieser Mummerei nichts weniger als Sie, hält uns für ein riesenhaftes Gespenst, das eben den letzten Gang durch die Stadt mache, ehe der Morgen graut, und kriecht furchtsam in seine Federn.

Sie. Wohlan, es sen! Es bleibt kein andrer Ausweg, als meine erste Verirrung durch die zweite gut zu machen.

cityscape-1149049_1920Die saubere züchtige Braut verlor sich mit ihrem Eginhart, wie sich der Bösewicht nannte, nachdem die Thüre wieder verschlossen war, vermuthlich um die Einkleidung zu besorgen; ich aber ergrimmte höchlich über solche Untreue, von der mir noch kein Beispiel vorgekommen war, und beschloß: erst dem züchtigen Paare einen derben Schreck einzujagen, mit anbrechendem Tage aber den Herrn Kriegsrath v. Zehring von den nächtlichen Besuchen seiner keuchen Tochter zu unterrichten.

Auf einem Umwege gelangte ich zu dem Hause des Kriegsraths; ein hart vor der Thür stehender Pfeiler konnte mich so verbergen, daß ich wohl belauschen, aber nicht bemerkt werden, konnte. Die Thüre an dem Hause des Stadtrathes öffnete sich jetzt, und die lange Figur, die heraustrat und durch den Schnee quer über den Ring schritt, war höchst lustig anzusehen: es war, als ob sich eins der Kinder Enaks, in ein weißes Betttuch gehüllt, über den Markt bewegte.

Ohne meinen Standpunkt im Geringsten zu verändern, ließ ich sie bis auf eine Entfernung von zehn Schritten dem Hause näher kommen. Jetzt aber raste ich wie ein Besessener aus meinem Schlupfwinkel hervor, stürzte auf die Verhüllten zu, und brüllte in dem vollständigsten Nachtwächterbasse: „was ist das für ein verdammtes Fratzenspiel!“

Kaum hatte ich ausgesprochen, so lag die höchlich erschrockene, tief eingehüllte Braut im Schnee, und haspelte sich aus dem Laken, wie Lazarus bei seiner Wiederbelebung heraus, stand auf, zitterte heftig, und verbarg ihr Gesicht an der Brust des sie fest umschließenden Julius. Der aber donnerte mir heftig entgegen: „welcher Teufel heist Ihn hier sich hinter einen Pfeiler verkriechen?“ „Ach Gott!“ lispelte die Holde, „es ist ja der Nachtwächter Kilian.“

Julius. Ist Er’s mein Freund! Ja so! Das ist etwas anders: das nenne ich löblich! Er verrichtet seine Pflicht treu, wie es einem Nachtwächter geziemet; ich danke Ihm! Hier aber sieht Er keine verdächtige Personen, daher kann Er in Gottes Namen nunmehr seine Wege gehen.

Ich. Wenn ich will, mein Herr Mädchenverführer! Wir wollen doch die Herren Väter von dem Vorfall in Kenntnis setzen.

Jul. Was? Er untersteht sich, mir auf solche Weise zu drohen; weiß er wo das Fräulein her kommt?

Ich. O ja, sehr wohl weiß ich es; ich bin an Ihrer Thüre Augen- und Ohrenzeuge gewesen.

Sie. Ach! Mein Gott! Mein Gott! Was soll ich anfangen?

Julius. Senn Sie ruhig, mein Fräulein! Sie haben nichts Unrechtes gethan. Sieht Er, mein lieber braver Kilian, der Herr Bräutigam des Fräuleins sucht eine seinen Kräften und seinem Range angemessene Stelle bei der Stadt; das Fräulein wollte ihn eine überraschende Freude machen, und da heute Session ist, meinen Vater am frühesten Morgen bitten: für ihren Geliebten ein gutes Wort einzulegen; so schlief mein Vater, und ich wagt nicht, ihn zu wecken.

Ich lächelte zweifelhaft, und wollte eben meine Einwendungen beginnen, als mich der mannhafte Student bei der Gurgel ergriff, und mir mit furchtbarer Stimme zu donnerte: „Wenn Er es nicht glaubt, so hat er heute das letzte Mal gepfiffen; ehe der Abend kommt, habe ich Ihm dem Hals umgekehrt; ist Er aber vernünftig, sieht Er (hier griff der wackre junge Mensch in seinen Beutel), so schenke ich ihn für seine Wachsamkeit und seine Treue vier Souisd’or“.

Kaum hatte er es gesagt, so fühlte ich mich auch schon m Besitz der allerliebsten runden gelben Gottesgabe. Nein! Nein! Nun war es vorbei! Jetzt war mir der Mund auf immer geschlossen; wer hätte solchen überwiegenden Beweisgründen nicht Glauben beimessen sollten, und wenn ich meine alte treue Marie selber auf seinem Rücken gesehen hätte, so wäre mir kein Zweifel mehr eingekommen.

„Die guten Seelen,“ dachte ich, „die eine hat ihrem Bräutigam an diesem Morgen solch eine seltene ihm ganz unerwartete Freude zugedacht, die andere liebt so überschwänglich ihren Vater, daß sie ihn nicht stören mag, und du bist so boshaft, und beunruhigst sie. Kilian! Kilian! Das war wieder ein dummer Streich!“

Mit einem tiefen Bückling wollte ich mich eben entfernen, als auch die schöne Braut in ihren Geldbeutel griff, drei Dukaten herausnahm, und mit den Worten in meine Hand drückte; „ hier mein ehrlicher Kilian, etwas auf ein Frühstück, aber, wohl verstanden, der Vorfall bleibt ein Geheimnis.“

Ich bedankte mich ehrerbietig, und entfernet mich. Meinetwegen können sie sich jetzt alle Nächte über den Markt tragen, Kilian kriecht nicht mehr hinter einen Pfeiler; auch kann es durchaus nichts unrechtes senn, was die jungen Leutchen gethan haben, denn da der Her Julius Kreuzer die Rechte studiert, so muß er ja wohl weit besser wissen, was recht ist, als ich unstudierter Nachtwächter.

Notes:

  1. http://www.numispedia.de/Dukat